Eigentlich hätte uns diese Reise nach Sibirien führen sollen. Wegen der russischen COVID-19-Einreisebestimmungen musste aber etwas Neues gefunden werden. Etwas, das der sibirischen Wildnis in etwa gleich kommt. In Europa bietet sich dafür das nördliche Schweden an. Es gibt hier noch sehr unberührte Wildnisgegenden, in welche ich mich mit einem guten Freund von mir (Richard Löwenherz: http://www.lonelytraveller.de/ ) mit Boot und Fahrrad hineinbegeben habe.

Tourenplanung

Die Tour führt als Kombination aus Radetappen und Bootsstrecken langsam in immer straßenlosere Gebiete, eine Seenkette hinauf und schließlich ein Stück entlang des Nordkalottleden, über einen Pass auf etwa 1000m, um dann in Ritsem in der historischen Provinz Lappland zu enden. Ursprünglich war die Tour sogar noch länger geplant, jedoch waren Windverhältnisse und Umtragepassagen so zeitraubend, dass in den knapp 20 geplanten Tagen dann doch nur Ritsem erreicht werden konnte.

Entlang des Piteälven durch nordische Taigawälder

In Moskosel gibt es eine Stichstraße, die circa 200 Kilometer nach Nordwesten führt, direkt entlang am Piteälven, hin zur Seenkette und zum Tjeggelvas. Diese Straße überquert auch den Polarkreis.

Bei bis zu 30 Grad und einer Horde Mücken kämpfen wir uns 3 Tage durch diese Landschaft, begegnen Rentieren und lagern an Bächen und Seen, an denen wir auf Lagerfeuern abends Buchweizengrütze und morgens Milchreis kochen. Solange die Witterung und das Holzvorkommen es zulassen, schonen wir unsere Gasreserven.

Während der dreitägigen Passage ändert sich das Landschaftsbild nur unwesentlich, jedenfalls am Anfang. Erst am Tjeggelvas wird die Landschaft dann gebirgig und wir kommen an immer größeren Seen vorbei.

Ursprünglich haben wir für die erste Straßenetappe von Moskosel zum Tjeggelvas 3 Tage anberaumt. Das hätte auch geklappt, wenn wir nicht bei ein paar gastfreundlichen Schweden noch eine Nacht extra verbracht hätten.

Einstieg in den Tjeggelvas

Welche Schwierigkeiten gibt es auf der Route? Die Tatsache, dass man gen Westen eine Seenkette aufwärts fährt, führt dazu, dass man nicht nur gegen die Strömung ankämpft, sondern auch gegen die starken Westwinde, die im arktischen Norden von Norwegen herüberkommen.

Die Seenkette, beginnend mit dem Tjeggelvas, dauert bedeutend länger. Auch wegen der Umtragungen durch Morast und über Felsen. Es bietet sich somit an, die Tour vom Nordkalottleden aus mit Zugang von Sulitjelma (Norwegen) oder Kvikkjokk zu planen, wenn man nur die Seenkette als Tour machen möchte. Auch als Einzeltour eignet sie sich wunderbar.

Trotz Gegenwind und schwierigen Passagen, haben wir die eingeschlagene Richtung nicht bereut: Das folgende Hochplateau und der Padjelanta Nationalpark waren Highlights unserer Tour.

Vom Tjeggelvas zum Pieskehaure

Die gesamte Seenkette hindurch bieten sich immer wieder atemberaubende Lagerplätze, an denen man sich ungestört von jeglicher Zivilisation von den Paddeletappen erholen kann.

Die Umtragestellen sind das notwendige Übel, das man in Kauf nehmen muss, wenn man mit jedem See weniger Spuren der Zivilisation finden möchte. Anfangs gibt es noch Boote, die mit dem Relayprinzip einen maschinenbetriebenen Verkehr möglich machen. Je weiter man aufwärts kommt, desto weniger werden es.

Nordkalottleden mit dem Fahrrad

Wie ist es wohl, in der arktischen Tundra und einer eiszeitlichen Steinbrockenlandschaft mit einem Fahrrad, das über 60 Kilogramm wiegt über Pässe zu reisen? Diese Frage haben wir uns vor der Tour gestellt - und können sie jetzt beantworten: Es ist möglich, grenzt aber schon fast an Selbstgeißelung, nicht zuletzt durch die eiszeitlichen Findlingsbiester, die überall im Weg liegen.

Auf der anderen Seite bekommt man so Routen zusammen, die anders nicht möglich sind. Paddeln, Radfahren und Bergsteigen, alles mit einem Set Equipment ist schon beeindruckend. Dafür zahlt man dann den Preis, dass es an bestimmten Stellen einfach nur noch modular vorangeht, indem das Rad abgepackt wird und man alles den Hang hochzieht. Doch irgendwie geht es voran, auch wenn man oft fluchend die Frage stellt, was das eigentlich soll. Das haben sich scheinbar auch die uns entgegenkommenden Wanderer gefragt, denn das erste, was wir bei diesen Begegnungen immer wieder hörten, war ein erstauntes "Cykel!!" - wie kommt wohl ein Fahrrad mit Paddeln auf den Berg?

Doch nach jedem Aufstieg kommt auch ein Abstieg. Dann spielt das Fahrrad wieder seine Stärken aus und man kann den Weg nach unten mehr oder weniger bequem auf dem Rad bewältigen.

Virihaure

Der größte See im Padjelanta Nationalpark ist der Virihaure. Wir erblicken ihn das erste Mal von hoch oben. Bei Sonnenschein und in tiefster Stille. Anscheinend nicht alltäglich, wie uns Wanderer berichteten. Da wir nun mit der Bergetappe die Wasserscheide überschritten haben, ist die Strömung nun auf unserer Seite. Allerdings bedeutet das nicht viel, da der Wind entscheidend ist. So auch auf dem Virihaure. Wir haben Glück, es weht ein sehr starker Wind aus Südost, der uns geradewegs mit riesigen Wellen auf die andere Seite schiebt. Bei Gegenwind hätte man hier keine Chance.

Mit der Strömung durch die letzten Seen vor Ritsem

Nachdem wir mit Rückenwind in wenigen Stunden den Virihaure überquert haben, geht es per Umtrage in den Vastenjaure. Die Landschaft mutet arktisch an. Karg und schroff. Völlig verändert von der anfänglichen Polartaiga. Mit Gegenwind kommen wir anfänglich nur langsam voran, dann etwas schneller, bis wir am Ende des Tages tatsächlich das Ende des Vastenjaure am Horizont erkennen. Zu zweit trauen wir uns über den riesigen See, auf dem jederzeit die Windrichtungen wechseln können - immerhin waren wir auch nur mit Einkammerbooten unterwegs, die wenig Auftrieb bieten, sollte sich mitten im See die Luft verabschieden. Am Ende des Vastenjaure bietet sich ein bizarres Bild einer Lappensiedlung und einer silhouettenhaften Pyramide aus Eiszeitablagerungen. Durchgefroren machen wir hinter der Pyramide Rast und schlagen in der Dämmerung unser Lager auf. Es regnet bereits seit vielen Stunden und die Temperatur liegt im niedrigen einstelligen Bereich.

Wildwasserfahrten

Nach dem Vastenjaure verengt sich die Seenkette und fließt mit teilweise sehr schneller Strömung und Wildwasserpassagen hin nach Ritsem. Es kommen noch einige Seen, aber bis zum Kutjaure kann man theoretisch mit sehr schneller Fahrt rechnen. Eventuell sind die Wildwasserstellen auch in anderen Wasserständen nicht zu befahren, das ist mir derzeit nicht bekannt. Ich selbst verliere in der letzten Stromschnelle mit dem beladenen Packraft die Kontrolle und kentere im Strom. Das muss aber nicht jedem passieren. Mein Freund Richard kommt direkt durch. Hinter dem Kutjaure, nach dem man man meiner Meinung nach nicht mehr so einfach weiterfahren kann, steigen wir aus und schieben alles durch die Pampa. Es folgt noch eine Übernachtung neben dem Nordkalottleden, auf dem wir bis zum Akkajaure durch die bessere Bodenbeschaffenheit sogar einige größere Strecken fahren konnten. Am folgenden Tag endet die Tour für mich an der Fjällsstation, von der eine Fähre mich über den See nach Ritsem bringt. Richard nimmt sich noch etwas mehr Zeit, um den See mit dem Boot selbst zu überqueren. Ich mache mich mit Rad und Bussen auf den langen Rückweg zum Auto.

Mit dem MTB von Berlin nach Görlitz

In den letzten Dezembertagen des maskenfreien 2019 beschloss ich, wieder einmal nach Görlitz zu fahren um mein Auto zu holen, das sich über den Winter dort befand. Diesmal sollte es eine komplette Offroadtour werden, die sich gänzlich abseits von Straßen verläuft, erst Richtung Osten nach Forst, dann an der polnischen Grenze entlang auf polnischer Seite über Scheuno im Bunkerwald, zum Bad Muskauer Pücklerpark und dann wieder westlich der Neiße. Ich hatte mir für die Tour 3 Tage Zeit genommen.

Nahezu gänzlich ohne Straßen läuft die Route 225km durch Brandenburger Forste. Man hat förmlich das Gefühl, dass es zwischen Erkner bei Berlin und der polnischen Grenze nur Wald und Wiesen existieren.

Für einen Teil der Route wurde ich von der Bikepacking Trans Germany inspiriert. Für den letzten Teil habe ich diese dann abgerundet und ab Bad Muskau weiter an der Grenze durchlaufen lassen, bis ich in Neißeaue, kürz vor Görlitz herauskam.

Neblig-sonnige Winterstimmungen

Die speziellen Wetterlagen der Wintermonate lassen eine melancholische Ruhe im Land entstehen, die sich die gesamte Tour hindurch zeigte. Wer eine Tour sucht, die ihn abseits der Straßen durch das deutsche Flachland brandenburgischer Prägung führt, so empfehle ich ihm diese Route. In ein Paar Tagen ist die Tour gut machbar.

Staubige, sandige Pisten und eine Form der Stille, wie man sie nur aus Hochlagen der Alpen kennt zeichnet die Wüste Moab aus. Im Südwesten der USA eröffnete sich mit unserer Tour dort eine völlig neue Landschaftswelt, die wir, leider nur 3 volle Tage lang, auf dem White Rim Trail erfahren wollten.

Der White Rim Trail ist eine Offroadroute, die die meisten Amerikaner eigentlich nur mit entsprechenden motorisierten Fahrzeugen befahren. Ausländische Touristen trifft man kaum. Es gibt mit Fahrzeugen unterstützte und organisierte Touren mit MTB, jedoch wollte ich komplett unabhängig sein und jeden Kilometer aus eigener Kraft erstreiten.

Wasser

Mit dabei waren circa 25L Wasser pro Person. Wir haben Opulenz groß geschrieben, was sich am Ende auch als richtig herausgestellt hat. Auf der Tour platzte einer der Wasserbehälter, die jeweils eine Gallone, also knapp 4L Wasser unbrauchbar machten. Auf der Route kommt man erst sehr spät an den Green River und dieser ist auch nur bedingt zu genießen, selbst mit gutem Wasserfilter, wie wir ihn hatten.

Permits

Schwierig ist es, im Oktober die Permits für Übernachtungen zu bekommen. Die Zeltplätze sind reservierungspflichtig, es gibt einen regelrechten Run darauf. Daher waren wir überglücklich, ein paar dieser Permits zu ergattern. Am Ende stellte sich dann aber heraus, dass unser Zeltplatz offiziell ausgebucht war, wir jedoch völlig allein darauf waren.

Route

Die Route selbst ist eine Rundtour, man braucht also keinen Shuttleservice einzuplanen. Insgesamt sind 3 Tage gut machbar, aber wenn man Zeit haben will, sollte man mindestens 4 Tage einplanen. Das erfordert dann natürlich aber auch mehr Wasser. Sollte man sich jedoch verkalkulieren, helfen einem die doch zahlreichen motorisierten Gefährte weiter. Hier haben wir viel Hilfsbereitschaft erfahren. Man kann also nicht verdursten.

Erster Tag der Tour

Eine Runde kann man natürlich in beide Richtungen fahren. Wir entschieden uns, die Tour im Uhrzeigersinn zu fahren. Damit hatten wir den hässlichen Teil auf dem Highway 313 an erster Stelle und konnten uns dann über eine Abfahrt über den Shafer Trail freuen. Mineral Bottom ist also unser Startpunkt - es geht erstmal hinauf auf's Plateau.

Nach dem Highway, an dem wir zuvor mit dem Auto Wasser versteckt hatten, das wir danach aufnahmen, ging es also auf die eigentliche Tour.

Die Abfahrt am Shafer Trail war spektakulär. Erfrischend, im Schatten, dann im Wüstensengen. Noch konnten wir einfach rollen, dann aber wurde es heiß und anstrengend. Das erste Highlight ist Musselman Arch, wir finden jedoch, dass eigentlich die Landschaft selbst erstmal Stunden braucht um zu wirken. Am ersten Abend dann der Sternenhimmel, den man nur dort sieht, wo wenig Menschen leuchten.

Tag zwei und drei

Beide Tage fasse ich hier zusammen, da die Highlights eigentlich nicht mit vielen Worten zu fassen sind, sondern sich in immer neuen Aussichten und Landschaftsorgien abspielen.

Wir brechen früh auf am zweiten Tag und nutzen das kühle Morgendwetter. Lange dauert es nicht bis in der Wüste die Hitze auf alles niederprasselt. Den Tag über folgen immer weitere Abbrüche vom sogenannten Rim. Wir fahren auf der Canyonkante, woher der Trail auch seinen Namen hat. In den folgenden Bildern sieht man es recht gut.


Der Dritte Tag

Nach der zweiten Nacht erwartet uns ein besonderes Schauspiel der Wüstenregionen zu dieses Jahreszeit. Der Sonnenaufgang. Die Tafelberge erscheinen in einem ganz besonderen Licht. Man kann es nicht beschreiben, man muss es erleben.


Kanten, Kanten, Kanten

Das verbindende Element dieser Landschaft sind die immer wieder in neuen Formen auftretenden Abbruchkanten, die sich in verschiedensten Formen dem schwächsten Material folgend überall breitmachen. Dabei entwickelt die Landschaft eine form von Ebenen. Wir bewegten uns eigentlich konstant erst auf der dritten und obersten, dann meistens auf der zweiten Ebene um dann am Schluss hinunter zum Green River zu kommen, der auf der untersten Ebene liegt.

Der Green River als Finale

Schlussendlich kommen wir an den Green River hinunter, an dem sich urplötzlich auch die Vegetation wieder völlig anders, inselartig mit dichtem Gestrüpp darstellt. Es ist nicht mehr weit. Vielleicht noch 40km, dann sind wir im Ziel. Dann gibt es Burger...

230 km 1 MTB und 1 Stadtrad

Bikepacking - dieser Begriff tauchte dieses Jahr zum ersten Mal an meinem Horizont auf. Radreisen mochte ich schon immer, aber das klingt natürlich längst nicht so abenteuerlich. Zusammen mit dem neuen Wort für eine alte Leidenschaft kam die Erkenntnis, dass man mit dem Rad ja auch mal die Welt der asphaltierten Rentnerradwege verlassen könnte.

Über 7 Gänge sollst du gehen

Dass ich mit meinem 7-Gänge-Rad für Flachlandpioniere noch nicht das richtige Rad für unwegsames Gelände hatte, war mir irgendwas zwischen nicht richtig bewusst und egal. So beschloss ich eine der Touren auf bikepacking.com nachzufahren: Sweet and Sauerland. Daniel war natürlich sofort dabei. 240 km in 3 Tagen. Dieses Tempo wurde von Lothar Linse vorgelegt, von dem der Track kommt. Da die Leute hinter bikepacking.com ziemliche Hardcore-Radler sind, schlug ich noch einen Tag drauf und dachte, das sollte ja dann wohl reichen.

Ankunft im Hochsauerland

Ein paar Wochen später, standen wir mitten in der reizvoll fremden Landschaft des Hochsauerlands. Wir parkten unseren Vito in Bromskirchen und rollten mit unseren schwer beladenen Rädern los. Es dauerte nur so 20 Minuten bis zum ersten fiesen Anstieg. Ich war noch nie schwer bepackt bergauf gefahren und würde das auch an diesem Tag nicht erleben, denn ich musste schieben. Auch hierfür gibt es im Englischen ein freundlicheres Wort: hike-a-bike. Ich wanderte also schweißtriefend und nach Luft ringend mit meinem Rad bergauf. Ab und zu sah ich Daniel - wie ein fernes Wildtier aufwärts ziehend. Ein Anblick, den ich von nun an jeden Tag haben sollte und der mich an Hunderennen erinnerte, bei denen Hasenattrappen dafür sorgen, dass die Hunde sich ins Zeug legen. Allerdings ohne Aussicht darauf, den Hasen je zu erwischen. Nach einer Stunde, die sich wie eine Tagesetappe anfühlte, kamen diese Hasenattrape und ich oben an. Da wir am frühen Abend erst gestartet waren und es auf der Kuppe des Heidenkopfs neben dem Aussichtsturm eine gute Zeltmöglichkeit gab, errichteten wir unser Lager für die Nacht. Daniel entfachte noch ein kleines Lagerfeuer, ich kredenzte uns aus den mitgebrachten Kühlschrankresten einen sehr leckeren Salat und dann machten wir den Reißverschluss hinter uns zu.

Die Sache mit den 7000 Höhenmetern

Nach einer herrlich ruhigen Nacht - es sollte die einzige ruhige Nacht auf dieser Reise bleiben - packten wir wieder unsere Fahrräder und warfen aus begründetem Interesse zum ersten Mal einen Blick auf die Höhenmeter der Tour: Es waren 7000. Ich sah Daniel mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung an. Wieso habe ich mir denn das Höhenprofil nicht vorher angesehen? Ich hatte nur auf die Fotos der Tour geachtet und da sah doch alles so gerade aus. Den folgenden Vormittag verbrachte ich damit, mir verschiedene Exitstrategien zu überlegen und das Gebirge und mein Fahrrad zu verfluchen.

Nackte Tatsachen im Wald

Aber abbrechen kam natürlich nicht wirklich in Frage. Wie ich aus Erfahrung weiß, ist Motivation fast genauso viel Wert wie Muskeln. Wir haben für die Tour natürlich nicht 3 Tage gebraucht, wie Lothar Linse und sein kerniger Freund im Flanellhemd. Wir haben 5 Tage gebraucht und das ist mit einem so ungeeigneten Rad wie meinem schon fast wieder Bestleistung. Tatsächlich sah man ansonsten nur Mountainbikes oder sogar E-Mountainbikes. Begegnungen mit anderen Menschen waren auf dieser Tour aber sowieso sehr selten. Wenn es welche gab, dann hatten sie es aber in sich. Einmal hatten wir uns auf dem dem Gaskocher gerade unser Mittagessen warm gemacht, als ein weiß leuchtender Mann mit nichts als Rucksack und Wanderschuhen bekleidet aus dem Dickicht trat. Durch eine Doku im Fernsehen hatte ich schonmal davon gehört, dass es Menschen gibt, die sich im Freien gerne frei machen. Also grüßte ich so, als wäre nichts. Der Mann war sich aber scheinbar sehr wohl seiner Nacktheit bewusst und machte lieber, dass er weiter kam.

Die nächste Tour ist schon geplant

Nach 5 Tagen, in denen es ausschließlich hoch und runter ging, in denen wir nachts von aneinanderstoßenden Geweihen, bellenden Füchsen und böllernden Dorfjugendlichen wachgehalten wurden, in denen wir tagsüber von Kyrill geschlagene Aussichtsschneisen genießen und die tiefe Stille einsamer Wälder inhalieren durften, erreichten wir unser Auto in Bromskirchen. Die erste Bikepacking Tour ist geschafft und die nächste schon geplant: 5 Tage White Rim Trail im Südwesten der USA. Daniel wird mir dafür ein neues Prachtrad aufbauen, ein sogenanntes Gravelbike mit ganz vielen Halterungen für Proviant, Wasser und den ganzen Campingkram. Der Rahmen aus Barcelona ist heute angekommen.

Fast schon Routine ist die diesjährige Rennradtour von Berlin nach Görlitz, die ich zweimal im Jahr mache. Immer mal wieder eine Adaption der Strecke, jede Version ist fast gleichermaßen schön.

Die Tour führt von Blankenfelde aus am Flughafenkorpus von Schönefeld vorbei Richtung Mittenwalde. Auf diesem Streckenabschnitt ist eigentlich nichts besonderes zu besichtigen. Das wird erst anders, wenn man in der Gegend um Teupitz ist. Ab hier fühlt man sich wieder fernab vom Trubel der Großstadt.

Die Tour führt weiter Richtung Schlepzig und hinein in die Lausitz. Man quert die Fließe des Spreewalds, die Straßenqualität ist nicht wirklich gut, aber mit dem Rennrad machbar, wenn man nicht zu pingelig ist. Hinter Burg wird es wieder annehmbar, bis man dann nach Cottbus reinfährt. Die Stadt lasse ich bald hinter mir und durchquere den Branitzer Park. Ich höre noch die Energiefans raunen in ihrem Sammelbecken, dann ein Schotterweg und hinaus ins Grüne Richtung Spremberg.

Jetzt kommt man vollends weg von den Städten. Ein paar Lausitzer Mittelstädte liegen noch auf dem Weg, bis ich hinter Spremberg dann mein Nachtlager aufschlage, den Blick dabei auf das Kraftwerk Boxberg gerichtet. Neben mir ist eine alte Waldbrandfläche aus dem letzten Jahr. Man merkt dem Wald die Trockenheit immernoch an.

Am nächsten Morgen sind Minusgrade. Die Nacht war aber auf dicken Grasbüscheln trotzdem warm genug. Es geht weiter im wunderbarsten Sonnenschein durch den Wald, vorbei am Schöps und durch schöne, aufgeräumte Lausitzer Dörfer und Kleinstädte wie Niesky. Hier ist die Tour auch schon wieder vorbei. Angekommen.



Schon wieder geht es auf einen verlassenen Truppenübungsplatz der Sowjets. In den siebziegern diente er als Manöverplatz für 50 Tausend Soldaten zu einem der größten Übungen des Warschauer Paktes - heute zeugt davon noch eine Aussichtsplattform, damals für die hochrangigen Offiziellen extra aufgeschüttet, heute ein schöner Aussichtspunkt, von dem man eigentlich heute gut sehen kann, wie sich die Vegetation langsam über das Gelände legt. Der Wald kommt zurück - und mit ihm allerlei heimisches Getier und auch einige Wolfsrudel.

Ein Produkt von Waldbränden

Die Landschaft erinnert an andere Gegenden auf der Welt. Es ist Brandenburg - allerdings nicht im Naturell, sondern in adaptierter Form. Ein Waldbrand formte diese Landschaft. Sie wuchs nicht mehr zu, auch weil sie freigehalten wurde vom Militär. So haben wir heute diese Wüste - mitten in Brandenburg. In der Gegend brannte es schon öfter, wohl auch durch Brandstiftung wie beim Waldbrand 2018. Im Jahre 1942 ist der Wald entflammt und damit auch die heutige Heidelandschaft entstanden. Durch die permanente Nutzung wurde sie freigehalten, bis 1994 als die russischen Streitkräfte im größten Truppenrückzug der Geschichte sie dem menschlichen Einfluss entzogen. Seitdem ist nichts mehr gemacht worden. Ganz langsam wächst so auch die Heide teilweise zu. Doch sie ist so groß, dass es noch genug Freiflächen gibt. Es wird noch lange dauern.

 

 

Hitzestau im Sonnenbad

Diesmal ist es warm, sehr warm. Man bleibt lieber im Schatten. Doch so viel Schatten gibt es hier nicht. Die Fläche ist nur am Rand bewachsen. Im Zentrum hat sich eine riesige Freifläche erhalten. Sie bildet das Zentrum der Lieberoser Wüste. Man kann mehr als einen Kilometer weit blicken, eine Ausnahme im Brandenburger Meer aus Kiefern und Birkenwäldern.

Rostige Reste

Im Sand entdeckt man mit bloßem Auge die Reste der ehemeligen Nutzung. Es schauen Hülsen und Projektile aus dem Boden, überall. Mit dem Metalldetektor sollte man hier nicht langgehen. So genießt man einfach die Landschaft. Sie ist wunderschön - auch ohne Superlative.

Etwa 40 Minuten von Berlin befindet sich, wie so oft, ein ehemaliges sowjetisches Militärgebiet. Da in etwa 10 % des damaligen DDR Gebietes Sperrgebiet waren, so ist die Wahrscheinlichkeit auf ein solches zu treffen, nicht gering. So auch an diesem Wintermorgen. Im Zug nach Treuenbrietzen will ich von Osten her über das Naturschutzgebiet an der Zarth auf den ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog. Dort will ich mal wieder übernachten und bei der Eiseskälte dem Sturm lauschen. Hier befindet sich auch Deutschlands größte Wanderdüne.


Das Naturschutzgebiet an der Zarth

Hinter Treuenbrietzen weht ein eisiger Wind. Es ist zu dem Zeitpunkt circa -6° kalt und ich bin froh, diesmal meinen Parka mit Fellkapuze mitgenommen zu haben.  Darunter trage ich dicke Merinounterwäsche und eine Wollstrickjacke. Ich merke nichts von der Kälte. Schnell stapfe ich die Straße entlang und komme durch Pechüle, einem kleinen Dorf mit einem merkwürdigen Namen. Hier gibt es nicht viel und auf der Straße habe ich auch niemanden gesehen. Direkt hinter dem Dorf begegne ich Reiterinnen, die die Abgeschiedenheit und die Weite der Landschaft ebenfalls genießen.

 

Hinter dem Dorf begegne ich dann einem älteren Mann mit einem Rottweiler, der hier geboren ist und sein Leben neben dem riesigen Sperrgebiet verbracht hat. Er erzählt von den sowjetischen Soldaten, mit denen er Handel trieb und die, als es zu Ende ging, auf Beutezüge durch Brandenburg zogen, alles mitnahmen, was nicht festgewachsen war. Nach der Wende siedelten sich im benachbarten Ort Altes Lager viele Aussiedler an, vielleicht aus Tradition, denn viele hatten hier lange gedient in der Gegend. Der Mann meint, dass heute der Brennpunkt in Wünsdorf läge. Russen schlagen sich oft mit Asyleinwanderern, meinte er. Aber vor den Russen hätten sie Respekt, anders als vor Deutschen, die wenig vernetzt wären. Er empfiehlt mir, im alten Bunker zu schlafen, da es doch draußen viel zu kalt wäre. Mal schauen. Ich will auf jeden Fall in den Bunker. Später stellt sich dann heraus, dass er wenig spektakülär ist. In den Ritzen schlafen Fledermäuse. Um sie nicht zu stören, haue ich auch schnell wieder ab.

Schlafplatz in der Heide finden

Jetzt beginnt die Heide. Überall ist die Landschaft zerwühlt. Der Wind frischt auf und die Bäume wallen hin und her. Erst will ich mitten unter einem Baum zelten, ein wenig weiter bricht dann jedoch ein großer Ast runter. Da beschließe ich dann doch in die lichten Birkenwälder zu gehen und dort zu bleiben. Der Wind ist mittlerweile einfach zu stark und es ist zu gefährlich. Mittlerweile wird es auch deutlich kälter.

Endlich bietet sich ein wunderschöner Platz:

Der Hobokocher wird angeworfen und ich koche noch eine Suppe und einen Tee. Danach würfele ich mich ein meinen Schlafsack. Die Windstöße gehen im Wald umher und wandern. Ich kann es genau wahrnehmen. Alle 20 Sekunden rüttelt der Wind am Zelt, dann wandert er wieder in die Ferne. Das geht so weiter, bis ich kurz darauf einschlafe. Ich wache auch erst am nächsten Morgen wieder auf. Von der Umgebung merke ich nachts wenig. Morgens als ich aufwache, rennt neben mir irgendetwas weg. Wahrscheinlich ein Fuchs, oder ein Marder...

Der kommende Tag ist sonnig aber bitterkalt. Es weht immernoch ein eisiger wind. Ich habe mit Freunden und Familie einen Treffpunkt ausgemacht. Hier treffen wir uns um gemeinsam die Wanderdüne zu erkunden. Es wird ein sehr schöner Tag.

 

Er ist einer der klarsten Seen, die es in Brandenburg gibt. Er ist sogar ziemlich tief und komplett von Wald umgeben. In ihm lebt ein endemischer Fisch. Der Stechlinsee hat mich schon lange fasziniert und im Sommer waren wir dort schon einige Male zum baden und paddeln. Man kann unter Wasser wahnsinnig weit sehen. Keine landwirtschaftliche Fläche umgibt den See, kein Zufluss verändert den Nährstoffhaushalt. Diesmal wollte ich im Winter an seinen Ufern übernachten und dem Klang des Eises lauschen. Nachts singt der See, manchmal peitscht er, manchmal pfeift er. Das Atomkraftwerk aus sozialistischer Zeit steht mit seinen Türmen immernoch an seinen Ufern. Jetzt leitet es kein warmes Wasser mehr in den See. 

Fürstenberg 

Einen direkten Bahnanschluss hat der See nicht. Man muss von Fürstenberg hinwandern, wenn man ihn ohne Auto besuchen will. Das ist gut, denn so gibt es auch nicht so viel Publikum, im Winter schon gar nicht. Ich starte also mit der Bahn und steige in Fürstenberg aus, kaufe mir in der Nettowelt noch ein paar Snickers und Wasser, eine Suppenkonserve und Wiener. Der Bäcker gibt leider nicht so viel her, aber für ein paar Brötchen reicht es auch. Mit meinem eigentlich nur für Kameraequipment ausgelegten Rucksack ziehe ich dann los in Richtung Steinförder Straße. Hier stehen Villen und Einfamilienhäuser mit direktem Seeblick. Ich entecke ein modernistisches Haus mit Riesenfenster. Dahinter liegt ein Mann auf einer Couch. Wahrscheinlich war das Fenster zum See gerade belegt.

Lenin

Auf dem Weg Richtung Steinförde kommt linkerhand eine verfallene Villa, die tatsächlich eine bedeutende steingewordene Persönlichkeit mit einem Buch in der Hand vor sich hat. Es ist eine alte Leninstatue, die nun seit fast 30 Jahren ohne sowjetischen Rückhalt dort steht. Ich frage mich, wie viele Leninstatuen wohl noch in brandenburgischen Wäldern stehen. Ich kenne mindestens noch zwei.

Über einen Tunnel klettere ich in den Keller des Hauses und durchforste das Haus. Es gibt einen großen Saal und viele ehemals schöne Räume, die mit Parkett und Stuckdecken ausgestattet sind. Leider nagt der Zahn der Zeit.

 

Der Stechlinsee - ein Konzert des Eises

Man sagt, dass sich der Name Stechlinsee vom slawischen Wort für Glas herleitet. Offenbar waren unsere Vorfahren auch schon der Auffassung, dass dieser See besonders klar ist.  Im Winter, wenn der See zu Eis erstarrt, merkt man davon natürlich nicht so viel. Nach einer schönen Winterwanderung bin ich auch am See angekommen. Das Eis knackt, wenn man versucht, darauf zu stehen. Immer wieder ziehen Geräusche durch den gesamten See. In der Nacht sollten sie noch wesentlich stärker werden und mich aus dem Schlaf reißen. 

Die Dunkelheit zwingt mich, nicht ganz bis zur äußersten Spitze der Halbinsel im See zu laufen, sondern früher mein Zelt aufzuschlagen. Hier gibt es noch die Suppe und schon ist es dunkel. Ich lese noch ein Buch bis ich halb 8 einschlafe. Mitten in der Nacht um halb 3 werde ich dann abrupt aus dem Schlaf gerissen. Der See macht jetzt befremdliche Geräusche. Es pfeift und peitscht. Einmal kracht es durch den gesamten See von der Mitte her. Ich erschrecke unglaublich - dann höre ich zu und erwarte jede Sekunde ein neues Klangmuster, das durch den See saust. Sowas muss man mal erlebt haben. Wer an einem Wasser wohnt, der wird das kennen. Stadtmenschen in der Regel nicht.

Es war trotz wenig Schlaf wunderschön. Ich hoffe, der kommende Winter bringt wieder Eiseskälte und singende Seen.

 

 



Der Drang nach draußen

Vom Sommer kenne ich ihn noch: Er ist mitten im Wald, kein nennenswerter Ort in der Nähe. Umgeben von Wald und schönen Lichtungen liegt der Libbesickesee unweit von Temmen-Ringenwalde mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Am Wochende hatte ich noch nichts vor und das Wetter sollte trockene Zustände verheißen. -3° nachts, aber trocken. Auf Grund der Temperatur fanden sich keine Mitstreiter, die sich im Januar an einen See legen wollten. Ich wollte es dennoch und so fuhr ich mit dem Zug allein nach Joachimstal, damit ich von dort zu Fuß zu meinem See laufen kann.

Es ist Samstag, halb 12 und ich breche auf. Die Sonne scheint schon in Joachimstal, doch das sollte sich bald ändern. Ich begegne behundeten Frauen, die Angst vor mir und meinem Krempel haben. Sie schauen weg, grüßen nicht, während ich auf dem Stamm im Wald meinen Tee trinke.  Es wird schnell kalt und ich bin viel zu warm angezogen - jedenfalls für den Tag.

 

Kein Mensch im Wald

Um diese Zeit ist es in Brandenburg unglaublich leer. Ich treffe niemanden, außer zwei Holzhackern, die auf einen Stamm einhacken und mich anschauen, als ich mit meinen Alubechern klappernd auf der alten Kopfsteinpflasterroute zwischen Joachimstal und Milmersdorf an ihnen vorbeiziehe. Der Tag geht recht schnell vorbei. Schon steht die Sonne tief und ich habe noch ein paar Kilometer vor mir. Mein Ziel habe ich vor Augen - der See ist noch eine Stunde weg. Der Weg ist kerzengerade, es wechseln sich Kopfsteinpflasterstücke ab mit angenehmeren Schotterpisten. Der Wald ist ruhig, jedoch sehe ich die ganze Zeit über kein einziges Tier. Mein Rucksack ist voll mit Fotoequipment und den Dingen für die Übernachtung am See.

Der Libbesickesee

Nach ein paar Abkürzungen direkt durch das Unterholz und über eine große Lichtung sehe ich den See. Seine Oberfläche ist aus Glas, nichts bewegt sich. Das Tief Henriette hat dafür gesorgt, dass kein Windstoß hier mehr geht. Es wird immer feuchter und langsam kriecht die Kälte hoch aus der Tiefe. Ich laufe direkt zu der Stelle, die ich vom Sommer her noch kenne und schlage dort gleich mein Zelt auf. Danach nutze ich das letzte Tageslicht um noch ein paar Fotos zu erheischen. Danach gibt es eine heiße Suppe und einen Tee. Dann liegt er vor mir im dunklen Herbstlicht.

 

 

 

 




Der Arctic Circle Trail

Wenn man sich Grönland vorstellt, so denkt man an weiße Wüste und Eisbären, vielleicht noch an Schneehasen. All dies hat Grönland natürlich zu bieten, doch an der Westküste gibt es viel Grün, das im Sommer durchaus so wohnlich sein kann, dass man dort auch in Seen baden, in der Sonne liegen, oder sich mit 26kg auf dem Rücken durch die Tundra quälen kann. So tat ich dies mit noch drei anderen netten Menschen im Sommer 2017 Anfang bis Mitte August auf dem Arctic Circle Trail.

Der Trail verläuft circa 170 km vom Eis über den Flughafen Söndre Stromfjord (Kangerlussuaq) bis hin nach Sissimiut, bei den Dänen auch bekannt unter dem Namen Holsteinsborg. Der Weg führt dabei ohne Unterbrechung durch unbewohntes Gebiet, sodass man alles, was man in den 8-10 Tagen braucht, auf dem Rücken schleppen muss. Das klingt unschaffbar, kann aber von mittelmäßig fitten Mitteleuropäern durchaus mit mittlerem Durchhaltevermögen geschafft werden. Wie fängt man sowas an?

Flug nach Kangerlussuaq zum Startpunkt des ACT

Von Kopenhagen aus fliegt man direkt bis nach Grönland in gut 4 Stunden. Das ist eigentlich nicht viel, jedoch sind die Flüge ziemlich teuer, auch wenn man früh einen Platz bucht. Mein Flug kostete 950€ hin und zurück nach Kopenhagen. Von und nach Kopenhagen kommt dann noch hinzu. Für heutige billigfluggeplagte Globaltouristen dürften hier schon die Augenbrauen hochgehen. Wer Einsamkeit und schöne Landschaften abseits der ausgetretenen Pfade sucht, wird aber entlohnt. Ich bin sicherlich nicht das letzte Mal dort gewesen.

 

Ankunft

Mit Verspätung komme ich bei Sonnenuntergang in Kangerlussuaq an und treffe mich mit meinen Mitstreitern, mit denen ich die folgenden 10 Tage durch die Wildnis wandern sollte. Direkt am Flughafen, also quasi neben dem Rollfeld, ist ein von einem deutschen Exilanten betriebener kleiner Campingplatz. Auf diesem Campingplatz haben wir die erste Nacht verbracht. Es herrschten ungefähr 5-6° Nachts, schwitzen war also nicht.

Das Ice Cap

Nach einem gescheiterten Versuch, am folgenden Tag eine Ice Cap Tour zu ergattern, begannen wir, die Einheimischen zu befragen und wurden bei einem lokalen Elektriker fündig, der uns in seinem kleinen Allradtoyota über Grönlands längste Straße (37km) bis hin zum Ice Cap bringen wollte. Man sollte sich das mal anschauen. Der Kleintransporter polterte über die Geröllstraße durch die quasi wüstenähnliche Landschaft bis plötzlich die Straße endete und von nun an nur noch Eis über dem Land lag. Man kann sich das kaum vorstellen, aber von da an besteht Grönland nur noch aus Eis und unterirdischen Wasserläufen, die teilweise über 3000m über dem Meeresspiegel liegen - der größte Gletscher der Welt. Man kann dort auch noch übernachten, denn es werden Touren angeboten, die auch das entsprechende Equipment mitvermieten, womit man auf einem Gletscher übernachten kann.

Beginn des Artctic Circle Trail

Vorbei an gigantischen Dieseltanks zur Versorgung dieser kleinen Flughafenstadt (ganz Grönland wird derzeit noch mit Diesel versorgt, das mit Schiffen angeliefert und dann verstromt wird) liegt am Stromfjord der Eingang zum Trail. Er beginnt an einer riesigen amerikanischen Radarstation aus dem kalten Krieg, von der nur noch die Fundamente zu sehen sind. Die Amerikaner sind auch verantwortlich für den Status, den Kangerlussuaq heute hat. Als einzige natürliche flache Strecke wurde es auserkoren um 1941 einen Militärflughafen zu errichten. Auch die Rosinenbomber der Berliner Luftbrücke starteten von hier aus. Überall gibt es Spuren der Amerikaner.

Jetzt beginnt der Trail, sehr unspektakulär und in sanft hügeligem Gelände. Zum ersten Mal müssen die schweren Rucksäcke über Land getragen werden. Erst wird es übelst schwer, dann setzt eine Gewöhnung ein und man läuft einfach nur. Der erste Tag jedoch ist ziemlich schwierig.

Tägliche Abfolge

Die erste Nacht war eine Wohltat. Man schläft definitiv gut, wenn man so viel zu tragen hat. Sobald abends die Sonne untergeht, merkt man, dass man nördlich des Polarkreises ist. Es wird schlagartig kalt. Hinein in den warmen Schlafsack und ins das Zelt, das den jeden Abend aufkeimenden Wind abhält und es wohlig warm erscheinen lässt.

Der erste Morgen fühlt sich gut an. Ich bereite mir einen Topf mit Bergsteigermüsli und Milchopulver vor. Sehr lecker ist es noch. Nach einigen Tagen sieht das dann anders aus. Danach heißt es Aufräumen, Zelt abbauen und einpacken zum Abmarsch.

Für gewöhnlich geht es dann erstmal bis zum Mittag durch die Tundralandschaft, vorbei an Seen und Rentiergeweihen, die, aufgereiht und gestapelt immer wieder den Weg säumen. Das Highlight bildet meist ein dicker Seitenbacherriegel, mit dem man bis zum Mittag durchhält. Wir strukturierten die Tour komplett individuell, nur die Kilometerzahl pro Tag war eigentlich meist vorgegeben, wenn wir die Tour in 9 Tagen schaffen wollten. Manchen Tag starteten wir allerdings erst recht spät und liefen dann bis zum Sonnenuntergang, nach dem es ja dann trotzdem noch nahezu taghell war.

Das Essen

Was isst man auf so einer Tour, wenn man möglichst viele Kalorien in möglichst wenig Gewicht pressen will. Es gab jeden Tag ein anderes gefriergetrocknetes Mahl, das teilweise auch noch auf die Geschmacksnerven einen positiven Einfluss hatte. Sogar 2 sog. MREs (Meal ready to eat) hatte ich dabei. Diese enthalten schon alles Wasser, man muss sie nur im Wasserbad erhitzen. Nachteil ist, dass sie ziemlich viel wiegen. Aber nach zwei Tagen waren sie auch schon verspeist. Gekocht haben wir mit Gas. Benzinflaschen hatten wir auch mit, aber es war einfach sauberer mit Gas zu kochen. Der Primus Omnifuel frisst ja in dieser Hinsicht alles, was man ihm präsentiert. Es gab einen Topf und einen Becher, dazu noch Outdoor Plastebesteck und damit war die Küche dann auch schon komplett. Neben Wasser gab es jeden Morgen noch einen Kaffee und auch ein paar Teebeutel schleppte ich jeden Tag herum. Das war es dann aber auch schon.

In Sissimiut

Der Ort Sissimiut selbst besteht aus Menschen und Hunden. Die Menschen zerfallen in Inuit und Dänen, von denen ebenfalls einige dort leben. Zu bestimmten Zeiten hört man immer Bellen aus verschiedenen Ecken der Stadt. Die Hunde des Winters sind im Sommer eben nutzlos und werden quasi abgestellt. Nur die jungen Hunde dürfen frei herumlaufen.

Das Verhältnis zwischen Dänen und Inuit ist nicht konfliktfrei und wahrscheinlich 90 zu 10 für die Inuit. Die Dänen beanspruchen Grönland weiterhin als ein Teil Dänemarks und die asiatischstämmigen Grönländer wären gern unabhängig. Alle, mit denen ich gesprochen habe, können sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen. Sie wirkten glücklich, obwohl es offensichtliche Probleme mit Alkohol im Land gibt.

Ein Däne im Flugzeug sagte mir, dass für alle höher bezahlten Jobs jemand aus dem Ausland kommen muss. Im Land gäbe es keine Fachkräfte. Er beschrieb die Unterschiede in der Bildungsaffinität und implizierte, dass sich meist die Inuit nicht für ihren Lebensstandard abrackern sondern die Situation so hinnähmen. In einem Gespräch mit einem Inuit wiederum hörte ich die Kritik, dass die Dänen die Jobs eben nur an Dänen weitergäben. An beiden wird aus anderen Gründen etwas dran sein. Jedenfalls ergeben sich hier gewisse Konflikte, die man recht schnell mitbekommt.

Die Inuit erscheinen mir gegenüber wahnsinnig herzliche und sehr entspannte Menschen zu sein. Ich wurde von verschiedensten Menschen auf der Straße angesprochen und wir wurden sogar mit Fisch beschenkt.

Kleidung und Zelt

Warm halten ist sehr wichtig oberhalb des Polarkreises. Leider sind die Temperaturschwankungen auch recht hoch, weshalb man sich tagsüber auch mal T-Shirts und für Abends und Nachts warme Kleidung mitnehmen muss. Je nachdem, wann man die Tour macht, so muss man Nachtfrost einplanen. Die Nächte Anfang August liegen immer bei cira 5°. Schon Anfang September wird es meist nicht mehr als 10° warm und es schneit bereits. Mein Schlafsack hatte eine Komforttemperatur von -1°, daher genau richtig für die Temperaturen dort. Dazu noch eine Isomatte und man konnte gut schlafen. Als Zelt diente mir ein Nordisk Telemark II, das ich vor der Tour noch nie benutzt hatte.  Es war als Einmannzelt perfekt und mit 950g auch superleicht. Dem Wind hielt es ebenfalls stand.

Die Strecke selbst

Der Arctic Circle Trail umfasst insgesamt circa 170km. Startet man am Ice Cap, wie es manche taten, so kommen nochmal 30km, also knapp 2 Tage hinzu. Damit ist die Strecke logistisch schon eine Herausforderung. Anfangs mit 26kg bepackt, gab es Mitstreiter, die sogar 34kg auf dem Rücken hatten. Meine Knie mussten sich aber nach der Tour erstmal regenerieren. Das Gewicht ist über die Topografie und Länge der Strecke schon eine Herausforderung. Allerdings ist es auch eine, an die man sich gewöhnt. Nach ein paar Tagen wurde die tägliche Tour immer leichter, nicht nur weil der Rucksack auch langsam leichter wurde.

Ich würde empfehlen, die Tour von Kangerlussuaq aus zu machen. So hat man den schwierigeren Teil am Ende, denn die Tour ist deutlich bergiger, als ich angenommen hatte. Zuerst startet sie sehr flach und unspektakulär. Bald kommt man allerdings in aufregendere Gefilde.

Tundrabrand

Während unserer Tour wurden wir Zeuge eines größeren Tundrabrandes, der den gesamten Weg auf diesem Streckenteil aufgefressen hatte. Wir mussten hier teilweise durch das Wasser des angrenzenden Sees laufen, denn der Brand war zu groß um hindurch zu laufen. Sowas hätte man in Grönland nicht erwartet. In Anbetracht des extrem trockenen Klimas dort und des Torfbodens aber auch nicht verwunderlich, dass dort Schwelbrände entstehen können, die dann unterirdisch weiter brennen. Der Brand wurde vermutlich von Wanderern entfacht, die unvorsichtig waren und kleine Lagerfeuer hatten.

Wetterkapriolen

Das Wetter in Grönland kann auch im Sommer immer mal wieder komplett verrücktspielen. Das hat dann erhebliche Folgen für den Flugverkehr. Ich selbst müsste das erleben. Meine Rückkehr war am Ende erst 3 Tage später und kostete mich nochmal knapp 300€ extra, nur weil plötzlich in Grönland im ganzen Land nichts mehr passiert ist in der Luft. Der Grund war, dass sich eine Nebelfront über das Land schob, diesige kleinen Flughäfen lahmlegte. Die fliegen nur auf Sicht und beliefern das Drehkreuz Kangerlussuaq. Wenn in diesem System etwas ausfällt dann fliegt der große Airbus nicht und alles verzögert sich immer weiter. Aus diesem Grund saß ich mit noch anderen 2 Tage fest. Man sollte die Tour durch das Land nie zu eng planen, da es immer passieren kann.

Der Weg nach Sissimiut

Tag für Tag nagen wir uns also Richtung Sissimiut, der zweitgrößten Stadt Grönlands mit 5000 Einwohnern, gelegen direkt am Nordatlantik. Es ist Arbeit, allerdings gibt sie ein gutes Gefühl und die Atmosphäre der Landschaft lässt einem zu Beginn den Mund offen stehen. Es ist unglaublich still, da es nur einige Vögel gibt, die allerdings recht winzig sind. Gepaart mit der wirklich wahnsinnigen Ferne, in die man permanent schauen kann, so kommt man ins Nachdenken über Gott und das Leben und wie unbedeutend doch eigentlich alles ist.

Zwei Tage vor Ende der Tour mache ich mich selbständig. Ich will den Rest der Tour umleiten und noch zu einer kleinen verlassenen Inuitsiedlung über einen Bergrücken. Der Weg ist nicht markiert und irgendwie nur mit dem GPS zu finden. Aber in Grönland habe ich gelernt, dass man keine Wege braucht. Nach einem fliegenreichen Aufstieg durch Feuchtgebiete, komme ich an einen See, in dem ich erstmal abtauche um mal wieder sauber zu werden. Nach einem wunderschönen Bad, steige ich weiter hoch über den Berg. Die Aussicht, die sich mir dort dann bietet, ist wirklich Wahnsinn. Das erste Mal sehe ich den Nordatlantik und kann wahrscheinlich 50km weit ins Landesinnere schauen über einen Fjord hinüber. Hier habe ich dann meine letzte Nacht in der Wildnis verbracht. Am nächsten Tag bin ich dann in die kleine Geisterstadt abgestiegen. Dort gab es aber keine wirklich interessanten Dinge. Ein paar leerstehende Häuser, ein Friedhof und ein kleiner Hafen, mehr ist es nicht.

Endspurt

Danach führte ein langer und beschwerlicher Weg nach Sissimiut. Ich habe den Weg immer wieder verloren, weil dort einfach niemand  langgeht. Dadurch gelang es mir jedoch, noch einen Polarfuchs zu fotografieren, der mir am Ende sogar noch gefolgt ist. Angekommen in Sissimiut marschierte ich dann zuerst zum Supermarkt, da ich mittlerweile genug hatte von Tütenessen. Deshalb kaufte ich mir Käse und Brot. Leider gibt es in Grönländischen Supermärkten, die Namen wie Pisifikk tragen nur dänische Exportware, außer lokal gefangenem Fisch. Später habe ich mich dann mit anderen Wanderern auf der Straße unterhalten und beschlossen, dass es jetzt mal an der Zeit wäre, in die Jugendherberge einzuziehen. Die erste Dusche nach 10 Tagen war grandios. Auch traf man hier viele Wanderer, die den Trail gemacht hatten und die nun ausspannten, oder solche, die ihn noch vor sich hatten. Es waren viele Nationalitäten vertreten. Deutsche, Österreicher, Belgier, Neuseeländer, Holländer und Dänen natürlich. Viele hatten den Track schon einmal gemacht. Alle bestätigten, dass die Frequentierung sehr stark zugenommen hat. Vermutlich ist 2017 das Jahr mit den meisten Wanderern gewesen. Rund 300 pro geistert als Zahl im Netz herum. Laut den Ortskundigen liegt die Zahl aber eher bei 1200-1500. Keiner weiß es genau. Der Trail ist immerhin völlig ungemanaged und somit auch ohne Müllentsorgung oder ähnliches. Viele Dinge lagen auch am Wegesrand. Vermutlich sind sie größtenteils einfach weggeflogen im Wind.

Beste Planung

Die Tour ist schlichtweg wunderbar. Freiheit, Ruhe und atemberaubende Landschaft gehen zusammen mit wirklich glücklichen Umständen, wie wenig Regen und ständiger Verfügbarkeit von Wasser bester Qualität. Ich würde mir für das nächste Mal noch einen Tag mehr nehmen für die Tour und insgesamt 10 oder 11 Tage planen. Es gibt einige wunderschöne Plätze mit Sandstrand oder auf Bergspitzen, an denen man sich so schnell nicht sattsehen kann. Daher kann man dort auch gern einmal länger bleiben. Wir hatten so gutes Wetter, dass wir baden und schwimmen waren in den Seen.

Je später man fährt umso weniger Mücken gibt es. Besonders in den Tälern mit viel Wasser ist das hilfreich. Ein Moskitohut ist ein absolutes Muss. Sie stechen nicht, sie beißen förmlich. Der Polarfuchs ist aber lieb gewesen.

Viel Spaß!

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