Etwa 40 Minuten von Berlin befindet sich, wie so oft, ein ehemaliges sowjetisches Militärgebiet. Da in etwa 10 % des damaligen DDR Gebietes Sperrgebiet waren, so ist die Wahrscheinlichkeit auf ein solches zu treffen, nicht gering. So auch an diesem Wintermorgen. Im Zug nach Treuenbrietzen will ich von Osten her über das Naturschutzgebiet an der Zarth auf den ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog. Dort will ich mal wieder übernachten und bei der Eiseskälte dem Sturm lauschen. Hier befindet sich auch Deutschlands größte Wanderdüne.


Das Naturschutzgebiet an der Zarth

Hinter Treuenbrietzen weht ein eisiger Wind. Es ist zu dem Zeitpunkt circa -6° kalt und ich bin froh, diesmal meinen Parka mit Fellkapuze mitgenommen zu haben.  Darunter trage ich dicke Merinounterwäsche und eine Wollstrickjacke. Ich merke nichts von der Kälte. Schnell stapfe ich die Straße entlang und komme durch Pechüle, einem kleinen Dorf mit einem merkwürdigen Namen. Hier gibt es nicht viel und auf der Straße habe ich auch niemanden gesehen. Direkt hinter dem Dorf begegne ich Reiterinnen, die die Abgeschiedenheit und die Weite der Landschaft ebenfalls genießen.

 

Hinter dem Dorf begegne ich dann einem älteren Mann mit einem Rottweiler, der hier geboren ist und sein Leben neben dem riesigen Sperrgebiet verbracht hat. Er erzählt von den sowjetischen Soldaten, mit denen er Handel trieb und die, als es zu Ende ging, auf Beutezüge durch Brandenburg zogen, alles mitnahmen, was nicht festgewachsen war. Nach der Wende siedelten sich im benachbarten Ort Altes Lager viele Aussiedler an, vielleicht aus Tradition, denn viele hatten hier lange gedient in der Gegend. Der Mann meint, dass heute der Brennpunkt in Wünsdorf läge. Russen schlagen sich oft mit Asyleinwanderern, meinte er. Aber vor den Russen hätten sie Respekt, anders als vor Deutschen, die wenig vernetzt wären. Er empfiehlt mir, im alten Bunker zu schlafen, da es doch draußen viel zu kalt wäre. Mal schauen. Ich will auf jeden Fall in den Bunker. Später stellt sich dann heraus, dass er wenig spektakülär ist. In den Ritzen schlafen Fledermäuse. Um sie nicht zu stören, haue ich auch schnell wieder ab.

Schlafplatz in der Heide finden

Jetzt beginnt die Heide. Überall ist die Landschaft zerwühlt. Der Wind frischt auf und die Bäume wallen hin und her. Erst will ich mitten unter einem Baum zelten, ein wenig weiter bricht dann jedoch ein großer Ast runter. Da beschließe ich dann doch in die lichten Birkenwälder zu gehen und dort zu bleiben. Der Wind ist mittlerweile einfach zu stark und es ist zu gefährlich. Mittlerweile wird es auch deutlich kälter.

Endlich bietet sich ein wunderschöner Platz:

Der Hobokocher wird angeworfen und ich koche noch eine Suppe und einen Tee. Danach würfele ich mich ein meinen Schlafsack. Die Windstöße gehen im Wald umher und wandern. Ich kann es genau wahrnehmen. Alle 20 Sekunden rüttelt der Wind am Zelt, dann wandert er wieder in die Ferne. Das geht so weiter, bis ich kurz darauf einschlafe. Ich wache auch erst am nächsten Morgen wieder auf. Von der Umgebung merke ich nachts wenig. Morgens als ich aufwache, rennt neben mir irgendetwas weg. Wahrscheinlich ein Fuchs, oder ein Marder...

Der kommende Tag ist sonnig aber bitterkalt. Es weht immernoch ein eisiger wind. Ich habe mit Freunden und Familie einen Treffpunkt ausgemacht. Hier treffen wir uns um gemeinsam die Wanderdüne zu erkunden. Es wird ein sehr schöner Tag.

 

Er ist einer der klarsten Seen, die es in Brandenburg gibt. Er ist sogar ziemlich tief und komplett von Wald umgeben. In ihm lebt ein endemischer Fisch. Der Stechlinsee hat mich schon lange fasziniert und im Sommer waren wir dort schon einige Male zum baden und paddeln. Man kann unter Wasser wahnsinnig weit sehen. Keine landwirtschaftliche Fläche umgibt den See, kein Zufluss verändert den Nährstoffhaushalt. Diesmal wollte ich im Winter an seinen Ufern übernachten und dem Klang des Eises lauschen. Nachts singt der See, manchmal peitscht er, manchmal pfeift er. Das Atomkraftwerk aus sozialistischer Zeit steht mit seinen Türmen immernoch an seinen Ufern. Jetzt leitet es kein warmes Wasser mehr in den See. 

Fürstenberg 

Einen direkten Bahnanschluss hat der See nicht. Man muss von Fürstenberg hinwandern, wenn man ihn ohne Auto besuchen will. Das ist gut, denn so gibt es auch nicht so viel Publikum, im Winter schon gar nicht. Ich starte also mit der Bahn und steige in Fürstenberg aus, kaufe mir in der Nettowelt noch ein paar Snickers und Wasser, eine Suppenkonserve und Wiener. Der Bäcker gibt leider nicht so viel her, aber für ein paar Brötchen reicht es auch. Mit meinem eigentlich nur für Kameraequipment ausgelegten Rucksack ziehe ich dann los in Richtung Steinförder Straße. Hier stehen Villen und Einfamilienhäuser mit direktem Seeblick. Ich entecke ein modernistisches Haus mit Riesenfenster. Dahinter liegt ein Mann auf einer Couch. Wahrscheinlich war das Fenster zum See gerade belegt.

Lenin

Auf dem Weg Richtung Steinförde kommt linkerhand eine verfallene Villa, die tatsächlich eine bedeutende steingewordene Persönlichkeit mit einem Buch in der Hand vor sich hat. Es ist eine alte Leninstatue, die nun seit fast 30 Jahren ohne sowjetischen Rückhalt dort steht. Ich frage mich, wie viele Leninstatuen wohl noch in brandenburgischen Wäldern stehen. Ich kenne mindestens noch zwei.

Über einen Tunnel klettere ich in den Keller des Hauses und durchforste das Haus. Es gibt einen großen Saal und viele ehemals schöne Räume, die mit Parkett und Stuckdecken ausgestattet sind. Leider nagt der Zahn der Zeit.

 

Der Stechlinsee - ein Konzert des Eises

Man sagt, dass sich der Name Stechlinsee vom slawischen Wort für Glas herleitet. Offenbar waren unsere Vorfahren auch schon der Auffassung, dass dieser See besonders klar ist.  Im Winter, wenn der See zu Eis erstarrt, merkt man davon natürlich nicht so viel. Nach einer schönen Winterwanderung bin ich auch am See angekommen. Das Eis knackt, wenn man versucht, darauf zu stehen. Immer wieder ziehen Geräusche durch den gesamten See. In der Nacht sollten sie noch wesentlich stärker werden und mich aus dem Schlaf reißen. 

Die Dunkelheit zwingt mich, nicht ganz bis zur äußersten Spitze der Halbinsel im See zu laufen, sondern früher mein Zelt aufzuschlagen. Hier gibt es noch die Suppe und schon ist es dunkel. Ich lese noch ein Buch bis ich halb 8 einschlafe. Mitten in der Nacht um halb 3 werde ich dann abrupt aus dem Schlaf gerissen. Der See macht jetzt befremdliche Geräusche. Es pfeift und peitscht. Einmal kracht es durch den gesamten See von der Mitte her. Ich erschrecke unglaublich - dann höre ich zu und erwarte jede Sekunde ein neues Klangmuster, das durch den See saust. Sowas muss man mal erlebt haben. Wer an einem Wasser wohnt, der wird das kennen. Stadtmenschen in der Regel nicht.

Es war trotz wenig Schlaf wunderschön. Ich hoffe, der kommende Winter bringt wieder Eiseskälte und singende Seen.

 

 



Der Drang nach draußen

Vom Sommer kenne ich ihn noch: Er ist mitten im Wald, kein nennenswerter Ort in der Nähe. Umgeben von Wald und schönen Lichtungen liegt der Libbesickesee unweit von Temmen-Ringenwalde mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Am Wochende hatte ich noch nichts vor und das Wetter sollte trockene Zustände verheißen. -3° nachts, aber trocken. Auf Grund der Temperatur fanden sich keine Mitstreiter, die sich im Januar an einen See legen wollten. Ich wollte es dennoch und so fuhr ich mit dem Zug allein nach Joachimstal, damit ich von dort zu Fuß zu meinem See laufen kann.

Es ist Samstag, halb 12 und ich breche auf. Die Sonne scheint schon in Joachimstal, doch das sollte sich bald ändern. Ich begegne behundeten Frauen, die Angst vor mir und meinem Krempel haben. Sie schauen weg, grüßen nicht, während ich auf dem Stamm im Wald meinen Tee trinke.  Es wird schnell kalt und ich bin viel zu warm angezogen - jedenfalls für den Tag.

 

Kein Mensch im Wald

Um diese Zeit ist es in Brandenburg unglaublich leer. Ich treffe niemanden, außer zwei Holzhackern, die auf einen Stamm einhacken und mich anschauen, als ich mit meinen Alubechern klappernd auf der alten Kopfsteinpflasterroute zwischen Joachimstal und Milmersdorf an ihnen vorbeiziehe. Der Tag geht recht schnell vorbei. Schon steht die Sonne tief und ich habe noch ein paar Kilometer vor mir. Mein Ziel habe ich vor Augen - der See ist noch eine Stunde weg. Der Weg ist kerzengerade, es wechseln sich Kopfsteinpflasterstücke ab mit angenehmeren Schotterpisten. Der Wald ist ruhig, jedoch sehe ich die ganze Zeit über kein einziges Tier. Mein Rucksack ist voll mit Fotoequipment und den Dingen für die Übernachtung am See.

Der Libbesickesee

Nach ein paar Abkürzungen direkt durch das Unterholz und über eine große Lichtung sehe ich den See. Seine Oberfläche ist aus Glas, nichts bewegt sich. Das Tief Henriette hat dafür gesorgt, dass kein Windstoß hier mehr geht. Es wird immer feuchter und langsam kriecht die Kälte hoch aus der Tiefe. Ich laufe direkt zu der Stelle, die ich vom Sommer her noch kenne und schlage dort gleich mein Zelt auf. Danach nutze ich das letzte Tageslicht um noch ein paar Fotos zu erheischen. Danach gibt es eine heiße Suppe und einen Tee. Dann liegt er vor mir im dunklen Herbstlicht.

 

 

 

 




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