Mit dem MTB von Berlin nach Görlitz

In den letzten Dezembertagen des maskenfreien 2019 beschloss ich, wieder einmal nach Görlitz zu fahren um mein Auto zu holen, das sich über den Winter dort befand. Diesmal sollte es eine komplette Offroadtour werden, die sich gänzlich abseits von Straßen verläuft, erst Richtung Osten nach Forst, dann an der polnischen Grenze entlang auf polnischer Seite über Scheuno im Bunkerwald, zum Bad Muskauer Pücklerpark und dann wieder westlich der Neiße. Ich hatte mir für die Tour 3 Tage Zeit genommen.

Nahezu gänzlich ohne Straßen läuft die Route 225km durch Brandenburger Forste. Man hat förmlich das Gefühl, dass es zwischen Erkner bei Berlin und der polnischen Grenze nur Wald und Wiesen existieren.

Für einen Teil der Route wurde ich von der Bikepacking Trans Germany inspiriert. Für den letzten Teil habe ich diese dann abgerundet und ab Bad Muskau weiter an der Grenze durchlaufen lassen, bis ich in Neißeaue, kürz vor Görlitz herauskam.

Neblig-sonnige Winterstimmungen

Die speziellen Wetterlagen der Wintermonate lassen eine melancholische Ruhe im Land entstehen, die sich die gesamte Tour hindurch zeigte. Wer eine Tour sucht, die ihn abseits der Straßen durch das deutsche Flachland brandenburgischer Prägung führt, so empfehle ich ihm diese Route. In ein Paar Tagen ist die Tour gut machbar.

230 km 1 MTB und 1 Stadtrad

Bikepacking - dieser Begriff tauchte dieses Jahr zum ersten Mal an meinem Horizont auf. Radreisen mochte ich schon immer, aber das klingt natürlich längst nicht so abenteuerlich. Zusammen mit dem neuen Wort für eine alte Leidenschaft kam die Erkenntnis, dass man mit dem Rad ja auch mal die Welt der asphaltierten Rentnerradwege verlassen könnte.

Über 7 Gänge sollst du gehen

Dass ich mit meinem 7-Gänge-Rad für Flachlandpioniere noch nicht das richtige Rad für unwegsames Gelände hatte, war mir irgendwas zwischen nicht richtig bewusst und egal. So beschloss ich eine der Touren auf bikepacking.com nachzufahren: Sweet and Sauerland. Daniel war natürlich sofort dabei. 240 km in 3 Tagen. Dieses Tempo wurde von Lothar Linse vorgelegt, von dem der Track kommt. Da die Leute hinter bikepacking.com ziemliche Hardcore-Radler sind, schlug ich noch einen Tag drauf und dachte, das sollte ja dann wohl reichen.

Ankunft im Hochsauerland

Ein paar Wochen später, standen wir mitten in der reizvoll fremden Landschaft des Hochsauerlands. Wir parkten unseren Vito in Bromskirchen und rollten mit unseren schwer beladenen Rädern los. Es dauerte nur so 20 Minuten bis zum ersten fiesen Anstieg. Ich war noch nie schwer bepackt bergauf gefahren und würde das auch an diesem Tag nicht erleben, denn ich musste schieben. Auch hierfür gibt es im Englischen ein freundlicheres Wort: hike-a-bike. Ich wanderte also schweißtriefend und nach Luft ringend mit meinem Rad bergauf. Ab und zu sah ich Daniel - wie ein fernes Wildtier aufwärts ziehend. Ein Anblick, den ich von nun an jeden Tag haben sollte und der mich an Hunderennen erinnerte, bei denen Hasenattrappen dafür sorgen, dass die Hunde sich ins Zeug legen. Allerdings ohne Aussicht darauf, den Hasen je zu erwischen. Nach einer Stunde, die sich wie eine Tagesetappe anfühlte, kamen diese Hasenattrape und ich oben an. Da wir am frühen Abend erst gestartet waren und es auf der Kuppe des Heidenkopfs neben dem Aussichtsturm eine gute Zeltmöglichkeit gab, errichteten wir unser Lager für die Nacht. Daniel entfachte noch ein kleines Lagerfeuer, ich kredenzte uns aus den mitgebrachten Kühlschrankresten einen sehr leckeren Salat und dann machten wir den Reißverschluss hinter uns zu.

Die Sache mit den 7000 Höhenmetern

Nach einer herrlich ruhigen Nacht - es sollte die einzige ruhige Nacht auf dieser Reise bleiben - packten wir wieder unsere Fahrräder und warfen aus begründetem Interesse zum ersten Mal einen Blick auf die Höhenmeter der Tour: Es waren 7000. Ich sah Daniel mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung an. Wieso habe ich mir denn das Höhenprofil nicht vorher angesehen? Ich hatte nur auf die Fotos der Tour geachtet und da sah doch alles so gerade aus. Den folgenden Vormittag verbrachte ich damit, mir verschiedene Exitstrategien zu überlegen und das Gebirge und mein Fahrrad zu verfluchen.

Nackte Tatsachen im Wald

Aber abbrechen kam natürlich nicht wirklich in Frage. Wie ich aus Erfahrung weiß, ist Motivation fast genauso viel Wert wie Muskeln. Wir haben für die Tour natürlich nicht 3 Tage gebraucht, wie Lothar Linse und sein kerniger Freund im Flanellhemd. Wir haben 5 Tage gebraucht und das ist mit einem so ungeeigneten Rad wie meinem schon fast wieder Bestleistung. Tatsächlich sah man ansonsten nur Mountainbikes oder sogar E-Mountainbikes. Begegnungen mit anderen Menschen waren auf dieser Tour aber sowieso sehr selten. Wenn es welche gab, dann hatten sie es aber in sich. Einmal hatten wir uns auf dem dem Gaskocher gerade unser Mittagessen warm gemacht, als ein weiß leuchtender Mann mit nichts als Rucksack und Wanderschuhen bekleidet aus dem Dickicht trat. Durch eine Doku im Fernsehen hatte ich schonmal davon gehört, dass es Menschen gibt, die sich im Freien gerne frei machen. Also grüßte ich so, als wäre nichts. Der Mann war sich aber scheinbar sehr wohl seiner Nacktheit bewusst und machte lieber, dass er weiter kam.

Die nächste Tour ist schon geplant

Nach 5 Tagen, in denen es ausschließlich hoch und runter ging, in denen wir nachts von aneinanderstoßenden Geweihen, bellenden Füchsen und böllernden Dorfjugendlichen wachgehalten wurden, in denen wir tagsüber von Kyrill geschlagene Aussichtsschneisen genießen und die tiefe Stille einsamer Wälder inhalieren durften, erreichten wir unser Auto in Bromskirchen. Die erste Bikepacking Tour ist geschafft und die nächste schon geplant: 5 Tage White Rim Trail im Südwesten der USA. Daniel wird mir dafür ein neues Prachtrad aufbauen, ein sogenanntes Gravelbike mit ganz vielen Halterungen für Proviant, Wasser und den ganzen Campingkram. Der Rahmen aus Barcelona ist heute angekommen.

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