Und täglich grüßt das Nutria – 5 Tage paddeln im Spreewald

Und täglich grüßt das Nutria – 5 Tage paddeln im Spreewald

Zugegeben – ich musste ein bisschen überredet werden, bevor ich mich auf den Paddelausflug eingelassen habe. So sehr ich das Draußensein liebe, zum Schlafen hab ich einfach gern 4 Wände um mich herum. Die Chance auf ein Spreewaldabenteuer wollte ich mir deswegen aber nicht entgehen lassen. Und mit zwei Schaffellen über den Isomatten wars fast schon gemütlich. Für ein Zelt.

Hier ein kleines Logbuch von unserer Fahrt.

Tag 1 Lübbenau – Lübben

In Lübbenau, beim Kanuverleih Richter, wird’s ernst. Zwei Canadier und ein Kajak werden beladen, mit wasserdichten Packsäcken und Tonnen. Zu essen haben wir mehr als genug dabei: Globetrotter-Trockenfutter, Konserven und Müsliriegeln. Zum Glück gibt’s unterwegs ein paar Restaurants.

Nachdem uns einer der Verleihmitarbeiter anhand einer großen, auf einen Tisch geklebten Wasserwanderkarte erklärt hat, wie wir bis Freitag auf schönstem Wege zu unserem Endpunkt in Beeskow kommen, stechen wir in See.

Wir sind noch nicht lange gepaddelt, als uns im Kanal ein Entkrauter entgegenkommt. Das Boot hat vorne einen überdimensionalen Rechen, mit dem es sich durch die Unterwasserpflanzen pflügt. Wir wundern uns noch, wo das ganze Gerümpel am Ende landet und kurze Zeit später landen wir selbst dort. An einer Flussgabelung ist unter Wasser ein Netz gespannt, das bis zur Wasseroberfläche reicht und an dem sich der ganze Salat staut. Wir kraxeln also an Land und versinken knietief im Matsch, während wir die Boote ein paar Meter weiter auf die andere Seite der Uferböschung tragen, um sie wieder einzusetzen. Warum hat es das Kajak, das hinter uns kam, noch mal über das Netz geschafft und überholt uns jetzt? Egal. Jetzt sind wir also schon mal dreckig, das muss beim zelten doch eh so sein, oder?

Während wir weiter auf dem glasklaren Fluss treiben, unter dessen Oberfläche sich Wasserpflanzen wie lange grüne Pferdeschwänze mit der Strömung hin und her winden, tauchen die ersten Nutria auf. Die nächsten Tage werden wir immer wieder welche treffen. Wir beobachten sie, wie sie in aller Ruhe mit Schnauze und Pfoten den strähnigen Pelz in Form bringen.

Gegen Abend kommen wir auf dem Zeltplatz in Lübben an. Unser erstes Ziel wäre eigentlich der 17 Kilometer entfernte Biwakplatz in Petkamsberg gewesen, aber bis hierhin haben wir es nicht mehr geschafft. In der Nähe des Kanals gibt es eine große Wiese, auf der man die Zelte aufstellen kann. Wir feuern die Kocher an und essen Kartoffeln mit Königsberger Klopsen aus der Dose. Danach gehe ich ins “Bad”: es gibt einzelne Duschklos, die man abschließen kann. Ich dusche über eine halbe Stunde und bin so froh, dass ich nicht in einer kollektiven Nasszelle stehen muss.

Tag 2 Lübben – Neu Lübbenau

Am nächsten Morgen frühstücken wir lange an einem überdachten Holztisch auf unserer Wiese und fahren erst gegen Mittag weiter. Irgendwie schaffen wir es nicht, die Canadier geradeaus zu steuern und eiern in Zickzacklinien den Fluss entlang. Und das zum Steuern hinten eingetauchte Paddel bremst bei jedem Lenkungsversuch auch noch ab. Die Mädels sitzen als Steuerfrauen hinten (in der Hoffnung, dass man da nicht so viel machen muss) und die Jungs beschweren sich, dass es ständig in die Böschung geht. Im Restaurant in Petkamsberg legen wir einen Zwischenstopp ein und essen leckeren Wildschweinbraten, Räucherfisch und Quarkkartoffeln mit Leinöl. Tagesziel heute wäre der Campingplatz Nord am Neuendorfer See gewesen. Aber die Arme werden gegen 18 Uhr lahm und der Wind frischt auf. Also biegen wir an einem Schild, auf dem “Ferienhaus Ploch” und “Wasserwanderrastplatz” steht, in ein Nebenfließ ab und landen auf einer menschenleeren Campingwiese. Es ist richtig herrlich hier, die Sonne wird glutrot und taucht alles in ein hochsommerliches Abendlicht. Die Grillen zirpen im trockenen Gras und wir essen Leberwurstbrot, trinken Bier und spielen Tischtennis. Am späten Abend brechen wir zu einer kleinen Nachtfahrt auf.

Tag 3 Neu Lübbenau – Neuendorfer See

Ich wache am nächsten Morgen mit Migräne auf und muss mich einen Tag auf dem Zeltplatz ausruhen. Daniel bleibt mit mir da, während die anderen drei schon zum 7 Kilometer entfernten Neuendorfer See paddeln. Wir folgen ihnen am nächsten Tag und paddeln bei starkem Wind in unserer Nussschale mit etwa 1km/h über den See. Irgendwann taucht ein winziger winkender Armin am Ufer auf. Wir landen an und kochen erstmal ausgiebigst Kaffee.

Tag 4 Neuendorfer See – Briescht

Eigentlich sind Kanuten ja Frühaufsteher und immer schon im Morgengrauen verschwunden. Bei uns läuft das ein bisschen anders ab. Nach dem 10. Kaffee gehen wir heute erst mal in den kleinen Laden am Campingplatz, bei dem man auf eine Klingel drücken muss und eine Verkäuferin dann ein Fenster zum Bedienen öffnet. Wir holen uns Eistee und Bier und bescheren dem Laden einen Wahnsinnsumsatz von 88 Cent.

In Kanus und Kajak geht’s dann nur zwei Kilometer weiter bis zum Fischer Richter, wo wir 3 große Räucherlachsforellen kaufen und Gruselgeschichten über die bis zu 2 Meter langen Welse in den Spreefließen hören, die angeblich ganze Hände mit Eheringen dran verspeisen.

Die Paddeletappe, die jetzt kommt, ist richtig wild und einsam. Aber wir können auch nicht mehr so richtig und lassen uns ab und zu ein bisschen treiben. In den Bäumen sitzen passend zur Landschaft quietschgelbe Vögel, urwaldartige Gesänge von sich geben. Auf dem Biwakplatz in Kossenblatt hat sich schon eine andere Kajaktruppe niedergelassen. Wir sehen das Dixie-Klo, hören die Straße und entscheiden, weiterzufahren.

Nach etwa vier Kilometern kommen wir in Briescht an. Der sächsisch klingende Name geht auf die Slawen zurück und bedeutet Ulmenwald. Wir biwakieren direkt neben einer tollen Holzbrücke, auf einer Wiese am Gasthof “Zur Spree”. Der eigentliche Biwakplatz, so hat man uns gesagt, ist nach einem Sturm unbenutzbar. Wir fragen die nette Frau im Gasthof, ob sie für uns nachts die Toiletten offen lässt. Und sie will dafür fast gar nichts haben. Als ich ihren für das Brieschter Brückenfest gebackenen Schoko-Eierlikör-Kuchen bewundere, gibt sie uns für 50 Cent davon noch zwei dicke Stücke mit. Ich strahle, als ich mit dem Kuchen und der Toilettennachricht wieder zu den anderen gehe. So freundlich geht’s im Land der Gegen-den-Baum-Gurker selten zu. 

Von der Brücke aus, sieht man einen großen Tümpel, der sich neben dem Spreefließ gebildet hat. Hier leben ein helles Nutria und ein fetter schwarzer Biber. Wir stehen mit einem Bier in der Hand im Abendlicht auf der Brücke und finden, dass man doch eigentlich gar nicht nach Kanada oder in den Dschungel reisen muss. 

Tag 5 Briescht – Trebartsch

Den nächsten Tag, es ist unser letzter, beginnen wir mal nicht auf, sondern in der Spree. Im Zelt ist es schon morgens um 9 nicht mehr auszuhalten. In Bikini und Badehose schlendern wir zum Steg runter, während die anderen noch schlafen. Ein Mann im Neoprenanzug mit Badekappe schwimmt an uns vorbei und grüßt freundlich. Ich traue mich auch und gehe ins Wasser. Das Wasser ist eisig kalt, fühlt sich aber großartig an. An den anderen beiden Zelten werden die Reißverschlüsse geöffnet, eine halbe Stunde später schwimmen wir alle unter der Huckleberry-Finn-Holzbrücke hindurch. Auf der ihr haben sich einige Dorfbewohner und Radler angesammelt, die uns interessiert beobachten, so wie wir die Biber am Abend zuvor.

Der Tag wird immer heißer und wir baden noch etwas, bevor wir nach Trebartsch weiterpaddeln, um uns dort abholen zu lassen. Trebartsch liegt kurz vor Beeskow. Wir haben unser Ziel also fast erreicht. Am frühen Abend kommt das Auto vom Kanuverleih und lädt unsere Boote auf den Anhänger. Jetzt ist leider schon wieder vorbei. Wir kommen auf jeden Fall wieder in diese Canada-ähnliche Landschaft. Aber ohne Canadier.

 

 



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